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Stefan Gassmann: Wenn die KI entwirft – was bleibt den Architekten?

  • vor 18 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Stefan Gassmann - Architeco GmbH
Stefan Gasmann - Architeco GmbH

Künstliche Intelligenz verspricht enorme Effizienzgewinne in der Architektur. Sie unterstützt unter anderem Pläne zu erstellen, Visualisierungen anzufertigen und bei der Bauadministration. Doch sie greift auch in die Kerndisziplin ein - dem Entwurf. Das verändert das Selbstverständnis eines ganzen Berufsstandes.


Der Luzerner Architekt Stefan Gassmann beschäftigt sich seit Jahren mit dem gegenwärtigen Wandel – Die Revolution der schnellen Digitalisierung und der gleichzeitigen Metakrise auf der Welt. Er plädiert für eine Art «Renaissance 2.0» in der Architektur. Im Kern geht es um die Wiedererlangung von Selbsterkenntnis und Bewusstheit der Menschen, das zu einem kulturellen Wandel und neuem Wissen führt. Der Ansatz verspricht Orientierung in einer Branche, die nach ihrer Rolle im KI-Zeitalter sucht.


Die Versuchung der Bequemlichkeit

Gassmann sieht auch Risiken im Einsatz von KI. Die digitale Informationsflut stumpfe die Kreativität ab, meint er. KI-basierte Entwurfsmethoden wie parametrisches oder generatives Design können zu einer «seelenlosen» Baukultur führen.

Die Versuchung sei gross, in der Entwurfsphase nicht mehr selbst Lösungen zu entwickeln, sondern bequem Vorschläge generieren zu lassen. «Du wirst zum Kurator statt zum Schöpfer», sagt Gassmann. Für ihn ist das eine Kapitulation des Menschen an die Technik.


Sein Vorschlag: KI soll Architekten bei Routineaufgaben unterstützen – beim Pläne erstellen, Visualisieren, Recherchieren. Das schafft Raum für die eigentliche Aufgabe: Mit Hingabe ein gutes Gebäude zu planen.


Der andere Ideenpool

Die von Gassmann eingebrachte «Renaissance 2.0» beschäftigt sich unter anderem mit zwei Grundprinzipien mit der sich Architekten auseinandersetzen sollen:


Erstens: Anpassung an die Natur. Wenn sich der Mensch der Natur anpasst, entstehen Harmonie, Wertigkeit, Ästhetik und Identität.


Zweitens: Bewusstsein und Verbundenheit stärken. Kreativität fliesst weniger aus dem Intellekt als aus dem Bewusstsein. «Der Mensch ist kein Bioroboter – er ist ein Geistwesen, das mit allem in Verbindung steht», sagt Gassmann.


Dieses Potential gelte es zu entfalten und in der Architektur selbstbewusst auszudrücken. Die KI werde bald viele kognitiven Planungsarbeiten besser ausführen als der Mensch, ist Gassmann überzeugt. Doch als Geistwesen haben wir Zugang zu einem grösseren Ideenpool – dem «universellen Bewusstsein».

Den vorherrschenden Materialismus hält er für überholt. «Seit Darwin konzentrieren wir uns auf das materielle Weltbild. Das ist zu reduktionistisch und verhindert Innovation.» 


Haus versus Geldanlage

Gassmann unterscheidet radikal zwischen zwei Grundhaltungen im Wohnungsbau: der Geldanlage und dem Haus.

Die Geldanlage – oft ein Renditeobjekt – zielt auf kurzfristige Rendite. Das Ergebnis: lieblose Betonwüsten ohne Gestaltung.

Das Haus hingegen hat Gestaltung und schafft Identifikation. Es überdauert Generationen, ist werterhaltend und damit nachhaltig. Eigentlich, so Gassmann, die bessere Geldanlage.


Polarität und Harmonie

Gassmann sieht die Rolle des Architekten auch als Vermittler zwischen Mensch, Raum und Natur. Das gelingt durch die Anwendung natürlicher Prinzipien – insbesondere das Polaritätsprinzip und die heilige Geometrie.


«Unser Universum ist polar organisiert», erklärt er. Nord- und Südpol, Tag und Nacht, Plus und Minus, weiblich und männlich. Dieses Prinzip gelte auch für die Architektur.

Viele neuere Bauwerke zeigen ein Ungleichgewicht. Das Maskuline dominiere: rechte Winkel, harte Kanten, kalte Farben. «Die weiblichen Qualitäten sind oft kaum vorhanden», sagt Gassmann. 


Ziel sei ein Gleichgewicht der Polaritäten an einem Ort oder bei einem Gebäude: Kreis und Gerade, weich und hart, leicht und schwer. Der Baum macht es vor – er wächst vertikal gerade, kraftvoll und tragend, breitet sich aber rund aus, schützend und weich. Überträgt man dieses Prinzip auf die Architektur, entsteht mehr als Design: eine Stimmung, etwas Ganzes und Verbundenes – ein Haus.


Bei Hochhäusern zeigt sich dieser Wandel teils bereits. Sie werden runder, Fassaden brechen mit der reinen Rechtwinkligkeit. «Das maskuline Zeitalter ist langsam vorbei», sagt Gassmann. «Wir sind auf dem Weg zum Ausgleich.»


Stefan Gassmann meint: Gespür statt Regeln

«Gute Architektur ist im Grunde ein Ausdruck universeller Liebe», sagt Gassmann. Das möge esoterisch klingen, beschreibe aber eine wichtige Tiefenqualität des Menschen, die in der Architektur zum Ausdruck kommen kann.


Dies gelinge, wenn Architekten sich mit der Natur verbinden – nicht durch Bäume umarmen, sondern durch Resonanz. Dies sensibilisiert das «Gespür» für stimmige Raumqualitäten. Diese natürliche Fähigkeit ersetze oder ergänze Gestaltungsregeln und berücksichtige besonders behagliche und soziale Bedürfnisse der Menschen.


Was Entscheider jetzt tun können

Mit der zunehmenden Bedeutung der Digitalisierung werden Orientierung, Haltung und Werte für Architekten immer wichtiger.


KI lässt sich dann am besten für das Wohl der Menschen einsetzen, wenn sich Architekten gleichzeitig wieder mit der Natur verbinden und ihr Bewusstsein weiterentwickeln – das eigene schöpferische Potential entdecken und leben.


Mit dieser Auseinandersetzung finden sie Orientierung und können eine Haltung einnehmen, die Mensch und Natur zusammenbringt. Daraus wachsen ganzheitliche Werte wie Ästhetik, Gesundheit, Naturverbundenheit, Identifikation und Beständigkeit – Werte, die in Gebäuden Ausdruck finden.


Gelebte Werte mit dazugehöriger Haltung seien notwendig, damit gute Gebäude entstehen, ist Gassmann überzeugt.


Die Architektur wird sich verändern. Die Frage ist nicht, mit welcher Technologie. Die Frage ist, mit welchem Bewusstsein und Menschenbild dieser Wandel geschieht.



Stefan Gassmann ist Gründer und Geschäftsführer der architeco gmbh in Ebikon. Das Architekturbüro ist spezialisiert auf ganzheitliche, nachhaltige Architektur in der Zentralschweiz.


 
 
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