top of page
Menschen mit Bedeutung aus der schweizer Wirtschaft

Entscheider Magazin

Entscheider Magazin Logo (finish 10.11_edited.png

Risikokapital: Was der Bund tun kann, ohne Geld in die Hand zu nehmen

  • Autorenbild: Fabian Helfenstein
    Fabian Helfenstein
  • vor 11 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Die Diskussion um staatliches Risikokapital in der Schweiz flammt regelmässig auf, wenn die Investitionszahlen schwanken und Forderungen nach mehr staatlicher Unterstützung laut werden.

Die zentrale Frage lautet nicht, ob der Staat helfen soll, sondern wie er helfen kann, ohne funktionierende Strukturen zu beeinträchtigen.

2025 flossen CHF 2,95 Mrd. in Schweizer Startups – ein Plus von 23,9%. Die Zahlen sehen gut aus. Die Frühphase boomt. Early Stage erreicht Rekordniveau.

Dennoch bleibt ein strukturelles Unbehagen bestehen.

Das Paradox: Mehr Geld, weniger Verteilung

Die Gesamtsumme steigt – auf den ersten Blick ein Erfolg.

Die Realität zeigt ein anderes Bild: Wenige grosse Finanzierungsrunden prägen das Gesamtbild. Für die meisten Neugründungen bleibt die Geldfrage schwierig.

Das Kapital konzentriert sich auf wenige Player.

Die breite Masse der Startups kämpft weiterhin um jede Finanzierungsrunde. Die Statistik verschleiert, was auf der Strasse passiert. Ein paar Mega-Deals heben den Durchschnitt. Der Rest steht im Regen.

Experten sehen das Problem nicht primär in der Höhe des verfügbaren Kapitals, sondern in dessen Verteilung und Zugang.

Die strukturelle Abhängigkeit vom Ausland

US-Investoren steuern über CHF 520 Mio. bei – das entspricht einem Drittel des gesamten Kapitals.

Ein Drittel.

Dies zeigt zwei Aspekte: Erstens vertrauen internationale Investoren Schweizer Innovationen. Zweitens erfüllt der heimische Finanzplatz seine Kernaufgabe nur unzureichend.

Die Schweiz verwaltet Billionen. Pensionskassen, Versicherungen, Family Offices – überall liegt Kapital herum, das nach Rendite sucht.

Trotzdem fliessen nur 1,5% des Pensionskassenvermögens in Private Equity und Venture Capital. In Europa sind es 8%. In Grossbritannien 14%. In Schweden 22%.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Schweizer Finanzplatz investiert nicht in die eigene Zukunft.

Warum bleibt das Geld liegen?

Regulierung. Risikoaversion. Fehlende Anreize.

Pensionskassen unterliegen strengen Vorschriften. Venture Capital gilt als riskant. Die Verantwortlichen scheuen das Risiko – verständlich, wenn es um Altersvorsorge geht.

Gleichzeitig investieren diese Institutionen in internationale Märkte, Immobilien und Anleihen mit Negativzinsen – eine Diskrepanz, die Fragen aufwirft.

Innovation findet hier statt. Deep Tech boomt. Die Schweiz führt europaweit mit 35% Deep Tech-Anteil bei Risikokapital-Investitionen. Die Qualität der Startups ist da.

Das Geld ist da.

Die Verbindung fehlt.

Was der Staat tun kann – ohne Investor zu spielen

Avenir Suisse warnt vor staatlicher Förderung. Der Bundesrat sagt, der Markt funktioniere grundsätzlich gut.

Beide Positionen haben ihre Berechtigung.

Direktes staatliches Risikokapital schafft Verzerrungen. Der Staat wählt keine Gewinner aus. Der Staat versteht Märkte nicht besser als private Investoren.

Der Staat schafft Rahmenbedingungen.

Das ist seine Stärke. Das ist seine Aufgabe.

Regulatorische Anreize für institutionelle Investoren

Pensionskassen brauchen keine Zwangsverpflichtung. Sie brauchen Anreize und Sicherheit.

Die Politik kann Rahmenbedingungen schaffen, die Investitionen in Schweizer Startups attraktiver machen:

  • Anpassung der Anlagevorschriften: Klarere Richtlinien, wie viel in Venture Capital investiert werden darf, ohne regulatorische Nachteile

  • Steuerliche Anreize: Vergünstigungen für langfristige Investitionen in Schweizer Frühphasen-Startups

  • Ko-Investitionsmodelle: Der Staat garantiert einen Teil des Risikos, private Investoren tragen den Rest

  • Transparenz und Standards: Klare Bewertungsmassstäbe für Venture-Investments, die institutionellen Investoren Sicherheit geben

Diese Massnahmen kosten den Staat wenig bis nichts. Sie mobilisieren privates Kapital, das bereits vorhanden ist.

Netzwerke und Infrastruktur stärken

Der Bund unterstützt bereits über Innosuisse. Bürgschaftsgenossenschaften erleichtern den Zugang zu Bankkrediten. Der Technologiefonds vergibt Bürgschaften.

Diese Instrumente funktionieren. Sie brauchen Ausbau, keine Revolution.

Was fehlt, ist die Verbindung zwischen Kapital und Startups.

Der Staat kann Plattformen schaffen, die institutionelle Investoren mit geprüften Startups zusammenbringen. Keine Dating-App, sondern professionelle Infrastruktur mit Due Diligence, Risikobewertung und Transparenz.

Zürich zeigt, wie es geht. Über 900 Startups, CHF 9,6 Mrd. Kapital – die Hälfte des gesamten Finanzierungsvolumens der Schweiz. Regionale Konzentration funktioniert, wenn die Infrastruktur stimmt.

Bildung und Kompetenzaufbau

Viele institutionelle Investoren verstehen Venture Capital nicht. Das Risiko erscheint ihnen zu hoch, weil sie die Mechanismen nicht kennen.

Der Staat kann Bildungsprogramme fördern, die Entscheidungsträger in Pensionskassen und Versicherungen für Venture-Investments qualifizieren.

Wissen reduziert Angst. Kompetenz schafft Vertrauen.

Die Grenzen staatlicher Intervention

Kritische Stimmen warnen vor staatlicher Überregulierung und setzen auf Marktlösungen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass M ung nicht perfekt funktionieren. Informationsasymmetrien, Risikoaversion und regulatorische H nrden verhindern, dass Kapital dorthin fliesst, wo es Wirkung erzeugt.

Der Staat soll nicht investieren. Der Staat soll ermöglichen.

Das bedeutet:

  • Regulatorische Hürden abbauen, die Investitionen blockieren

  • Anreize schaffen, die privates Kapital mobilisieren

  • Infrastruktur bereitstellen, die Verbindungen erleichtert

  • Transparenz fördern, die Vertrauen schafft

Was der Staat nicht tun soll:

  • Gewinner auswählen

  • Direkt in Startups investieren

  • Märkte verzerren durch Subventionen

  • Verantwortung übernehmen, die bei privaten Investoren liegt

Die Verantwortung des Finanzplatzes

Die grösste Verantwortung liegt nicht beim Staat. Sie liegt beim Finanzplatz selbst.

Schweizer Banken, Pensionskassen und Versicherungen verwalten ein Vermögen, das ausreicht, um jedes Startup im Land zehnfach zu finanzieren.

Trotzdem fliessen nur 1,5% in Private Equity und Venture Capital.

Das ist keine regulatorische Frage. Das ist eine Frage der Haltung.

Risikoaversion hat ihren Platz. Vorsicht bei der Altersvorsorge ist richtig.

Totale Risikovermeidung führt zu Stagnation.

Während Schweizer Pensionskassen zögern, investieren amerikanische, britische und schwedische Fonds in Schweizer Startups – und profitieren von den Renditen.

Die Ironie: Schweizer Kapital finanziert internationale Startups, während internationale Investoren Schweizer Innovation finanzieren.

Fazit: Handeln statt warten

Staatliches Risikokapital als direkte Finanzierungsquelle wird kontrovers diskutiert. Einigkeit besteht darin, dass Rahmenbedingungen wichtiger sind als staatliche Direktinvestitionen.

Der Bund hat Instrumente. Er nutzt sie. Er kann sie ausbauen, ohne Steuergeld in Startups zu pumpen.

Die eigentliche Frage lautet: Wer trägt die Verantwortung für die Zukunft des Innovationsstandorts Schweiz?

Der Staat schafft Bedingungen. Der Finanzplatz entscheidet, ob er diese nutzt.

Startups brauchen Kapital. Das Kapital ist da. Die Verbindung fehlt.

Der Bund kann diese Verbindung erleichtern – durch Regulierung, Anreize, Infrastruktur und Transparenz.

Der Rest liegt in den Händen jener, die über das Kapital verfügen.

Die zentrale Frage lautet nicht, ob der Staat helfen soll, sondern ob der Finanzplatz bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Die Zahlen zeigen das Potenzial. Die Lücke zwischen vorhandenem Kapital und Startup-Finanzierung bleibt bestehen.

Die Entscheidung liegt bei jenen Akteuren, die über das Kapital verfügen – und bereit sind zu handeln.

 
 
bottom of page