Darum scheitern Beziehungen bei Unternehmern: Stefan Geisse über Männer unter Druck
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Nach aussen läuft alles perfekt. Erfolgreiche Karriere, schönes Haus, Familie. Die Zahlen stimmen, die Projekte laufen, das Team performt. Während Männer im Business brillieren, leiden sie still. Ihre Beziehungen zerbrechen. Ihre Partnerschaften werden zu funktionalen WG-Konstrukten. Intimität verschwindet. Leidenschaft stirbt. Und sie merken es erst, wenn es fast zu spät ist.
Stefan Geisse kennt diese Krise aus nächster Nähe. Als Beziehungsexperte für Männer unter Druck arbeitet er mit Entscheidern, die äusserlich erfolgreich sind, innerlich jedoch den Kontakt zu sich selbst verloren haben. "Frauen trennen sich in der Beziehung, Männer erst danach", sagt Geisse. "Wenn ein Mann zu mir kommt und sagt, seine Frau möchte eine Paartherapie, ist es meistens schon zwei vor zwölf."
Der Funktionsmodus als Beziehungskiller
Das Problem beginnt nicht mit einem grossen Knall. Es beginnt mit der Spülmaschine. Mit Diskussionen über Kinderbetreuung. Mit oberflächlichen Konflikten, die Männer sofort lösen wollen. "Männer neigen extrem stark dazu, in den Problemlösungsmodus zu gehen", erklärt Geisse. "Die Frau hat ein Problem. Okay, reden wir drüber. Mach doch das oder das. Und dann ist alles gut." Das wahre Bedürfnis der Partnerin, gehört und gesehen zu werden, verstehen die meisten Männer nicht.
Der Mann kommt abends nach Hause, erschöpft von einem langen Tag. Er will es einfach schön haben. Die Frau hat den ganzen Tag Mental Load getragen, organisiert, geleistet. Sie möchte darüber sprechen. Er sieht die Tragweite nicht. "Es funktioniert doch", denkt er. Genau das ist das Problem. Denn Beziehungen funktionieren nicht auf einer energetischen Ebene, die nur auf Effizienz ausgerichtet ist.
Studien zeigen: Männer erleben Emotionen genauso intensiv wie Frauen, drücken sie jedoch deutlich weniger aus. Die Emotionsregulation unterliegt geschlechtsspezifischen Normen. Ein Mann neigt durch soziale Normen wie "Männer weinen nicht" dazu, bei Traurigkeit sein Gefühlserleben zu unterdrücken. Das Resultat: emotionale Isolation trotz materiellen Erfolgs.
Keine Freunde, keine Intimität, keine Leidenschaft
"Was mich immer wieder erschrickt: Diese Männer haben keine Freunde", sagt Geisse. "Sie haben Buddies. Arbeitskollegen. Jemanden, mit dem sie joggen gehen. Ein soziales Netzwerk. Aber keinen Mann, mit dem sie wirklich ernsthaft über ihre Probleme sprechen können." Über Beziehungskrisen zu reden, gilt als Schwäche. Als Versagen. Als Zeichen, dass man es nicht geschafft hat.
Die Zahlen bestätigen das dramatisch: Männer sind häufiger sozial einsam als Frauen. Sie haben durch tradierte Männlichkeitsbilder besondere Schwierigkeiten, über Schwächen und emotionale Belastungen zu sprechen. Einsamkeit ist gewissermassen der Normalzustand von Männlichkeit geworden. Frauen reden mit ihren Freundinnen fast doppelt so lange wie Männer mit ihren Freunden.
In den Beziehungen zeigt sich das durch fehlende Intimität. "Man lebt in so einem WG-Gefühl", beschreibt Geisse. "Man teilt sich das Haus, organisiert die Kinder, plant Urlaube. Die Sexualität findet kaum noch statt oder ist mechanisch. Keine Lust, keine Leidenschaft. Das ist nicht mehr das, was es früher war."
Die Fassade bröckelt: Wenn alles infrage steht
Hinter der erfolgreichen Fassade steckt Angst. "Wenn ich mich öffne, was passiert dann?", beschreibt Geisse die Urangst seiner Klienten. "Dann bin ich verletzlich. Dann bin ich nicht mehr der Macher. Dann habe ich nicht mehr alles im Griff." Diese Männer haben oft 10, 20, 30 Jahre lang eine Identität aufgebaut, die auf Leistung, Kontrolle und Stärke basiert. Wenn diese Fassade bröckelt, bleibt Angst übrig. Angst vor Einsamkeit. Angst vor Versagen. Angst, nicht mehr gut dazustehen.
Die Midlife-Crisis verschärft die Situation. Karriere infrage gestellt. Jüngere Kollegen, die schneller und fitter sind. Der eigene Körper, der nicht mehr mithält. "Und dann bröckelt vielleicht auch noch die Beziehung", sagt Geisse. "Dann steht alles infrage, wofür man gelebt hat."
Drei Kipppunkte führen Männer zu Geisse: die Beziehung, der Job, die Krankheit. "Ein Klient sagte mir: Ich liebe meinen Job seit 23 Jahren. Dann hatte ich eine schwere Erkrankung. Seit eineinhalb Jahren schaffe ich es nicht mehr, emotional und energetisch zu performen." Die Auswirkungen von Einsamkeit sind vergleichbar mit Rauchen oder starkem Übergewicht. Sie erhöht das Risiko für Depressionen, Herzkrankheiten und vorzeitigen Tod.
Klarheit, Wahrhaftigkeit, Nachsicht, Freude
Geisses Ansatz basiert auf vier Werten: Klarheit, Wahrhaftigkeit, Nachsicht und Freude. "Sobald ich weiss, wer ich wirklich bin, was meine wirklichen Werte sind, für was ich wirklich brenne, dann kann ich dem Raum geben", erklärt er. "Dann komme ich wieder ins Leben."
Wahrhaftigkeit zeigt sich im Moment der Verletzlichkeit. "Vorher spielen sie Rollen", sagt Geisse. "In dem Moment, wo jemand sagt: Ich habe Angst, meine Kinder nicht mehr zu sehen. Ich bin einsam. Ich bin sexuell nicht erfüllt. In diesem Moment zeigen sie sich. Und das ist wunderschön."
Nachsicht bedeutet, sich selbst Fehler zuzugestehen. "Diese Männer sind brutal hart zu sich selbst", sagt Geisse. "Sie verdienen viel Geld, führen Teams, haben Budget und Verantwortung. Sie leben nicht. Sie funktionieren." Das innere Feuer, die Leidenschaft, ist abhandengekommen.
Freude ist für viele dieser Männer ein fremdes Konzept geworden. "Vor 15 Jahren hätte ich gesagt, ich sei glücklich", gibt Geisse zu. "Heute weiss ich: Ich war depressiv." Viele Männer setzen ihren Standard für Glück extrem tief. Sie haben alles im Materiellen, merken jedoch: So richtig glücklich macht das niemanden.
Leistung mit Herz: Der Weg zurück ins Leben
"Leistung mit Herz bedeutet, die männliche Energie weiterhin nach aussen zu bringen", erklärt Geisse. "Machen, tun, analytisch sein, Ziele erreichen, Probleme lösen. Das ist wichtig. Wenn ich das in Verbindung mit meinen Werten, meiner Wahrhaftigkeit, meinem wahren Wesen bringe, dann ist das eine unschlagbare Kombination."
In der Mitarbeiterführung zeigt sich der Unterschied konkret. "Du treibst dein Team voran. Du zeigst Kante. Du gibst toughes Feedback", sagt Geisse. "In dem Moment, wo dein Team erkennt: Das ist ein richtig guter Typ, der hat sein Herz am rechten Fleck, gehen die mit dir durchs Feuer."
Geisse arbeitet individuell mit seinen Klienten. Manche brauchen Mitgefühl und Verständnis, damit der Druck raus darf. Andere brauchen Struktur und Stabilität. Wieder andere brauchen Konfrontation. "Was braucht dieser Mensch jetzt gerade?", fragt sich Geisse. "Ich arbeite mit dem Gesetz der Resonanz. Mit dem Spiegel. Was zeigt mir diese Situation über mich selbst?"
Der Vertrauensaufbau ist entscheidend. "In dem Moment, wo der Mann merkt: Der versteht mich, der hat Autorität, der war selbst in der Wirtschaft, dann öffnen sie sich", sagt Geisse. Mann zu Mann. Auf Augenhöhe. Ohne das "Therapie-Geschwätz", das viele Männer abschreckt.
Die Frage von Stefan Geisse im Sterbebett
Geisse selbst erlebte den Wendepunkt kurz vor seinem 40. Geburtstag. Eine Gehirnblutung zwang ihn, hinzuschauen. "Das war unglaublich schmerzhaft", sagt er. "Durch die Krankheit wurde ich da hingetragen. Erst dann konnte ich ganz viel von dem alten Ballast loslassen. Um mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Bewusst zu leben. Nicht getrieben zu sein."
Seine Botschaft an Männer, die sich in dieser Beschreibung wiedererkennen: "Mut zur Aufrichtigkeit. Sich selbst gegenüber. Hinzuschauen. Sich die richtigen Fragen zu stellen. Das ist unbequem. Das braucht Mut. Eine schöne männliche Energie."
Veränderung braucht Schmerz. "Nur mit Schmerz verändern wir uns", sagt Geisse. "Wenn der Schmerz nicht gross genug ist, findet keine Veränderung statt. In dem Moment, wo der Schmerz grösser wird als das Risiko, etwas Unbekanntes anzugehen, dann erst kann Veränderung stattfinden."
Die entscheidende Frage lautet: "Wenn du auf dein Sterbebett liegst und deine Kinder oder deine Frau oder dein bester Freund dich fragt: Hast du ein gutes Leben gelebt? Was antwortest du?" Karriere gemacht, Pensionskasse gefüllt, Mitarbeiter geführt, Projekte an Land gezogen? Oder: "Ich habe mein Leben so gut gelebt, wie ich es konnte. In der Fülle, in der Freude, in der Sinnhaftigkeit."
Das ist die Frage, die bleibt. Und sie verlangt eine ehrliche Antwort. Jetzt. Nicht auf dem Sterbebett.



