Isabelle Tschumi: Warum Unternehmer mehr emotionale Verantwortung brauchen

Isabelle Tschumi ist überzeugt: Gute Führung beginnt nicht bei Prozessen, sondern dort, wo Unternehmer Verantwortung für ihre eigenen Emotionen übernehmen.
Die wenigsten Unternehmer scheitern an ihrer Strategie. Die grössten Herausforderungen entstehen oft dann, wenn ein Mitarbeiter kündigen möchte, ein Kunde Kritik äussert oder ein Konflikt im Team eskaliert. Genau in diesen Momenten fühlen sich viele Unternehmer persönlich angegriffen – und genau dann zeigt sich, ob jemand nur ein Unternehmen führt oder auch sich selbst.
Für Isabelle Tschumi, Gründerin von Natürlich Tschumi, liegt genau dort einer der grössten Hebel unternehmerischen Erfolgs. Nicht die rationale Verantwortung entscheidet langfristig über gute Führung, sondern die emotionale. Denn wer seine eigenen Emotionen nicht führen kann, wird früher oder später von ihnen geführt.
Rationale Verantwortung reicht heute nicht mehr aus
Die meisten Unternehmer übernehmen Verantwortung. Sie sorgen dafür, dass Rechnungen bezahlt werden, Mitarbeitende ihren Lohn erhalten und Projekte umgesetzt werden. Sie planen, organisieren und entscheiden.
Doch genau dort beginnt laut Tschumi die eigentliche Herausforderung.
Rationale Verantwortung beantwortet Fragen wie:
Wie organisiere ich mein Unternehmen?
Wie plane ich Ressourcen?
Wie sichere ich Arbeitsplätze?
Emotionale Verantwortung beginnt dort, wo Zahlen keine Antworten mehr liefern.
Wenn ein Mitarbeiter sagt: «Ich fühle mich nicht gesehen.» Wenn ein Kunde sich beschwert. Oder wenn Kritik und Schuldzuweisungen im Raum stehen.
Gerade in diesen Momenten zeigt sich, ob ein Unternehmer Menschen führen kann – oder lediglich Prozesse.

Warum Kritik so schwerfällt
Viele Unternehmer glauben, sie hätten die falschen Mitarbeiter oder schwierige Kunden.
Tschumi sieht das differenzierter. Nicht selten entsteht der eigentliche Konflikt erst dadurch, dass Kritik sofort als persönlicher Angriff verstanden wird.
Emotionale Verantwortung bedeutet deshalb nicht, jede Kritik gutzuheissen.
Sie bedeutet, Kritik anzunehmen, ohne dass die eigene Identität darunter leidet.
Dabei unterscheidet Tschumi bewusst zwischen dem Menschen und seinem Verhalten.
Der Unterschied mag klein wirken, verändert aber jede Unterhaltung.
Wer einem Mitarbeiter sagt: «Du bist unzuverlässig.», greift den Menschen an. Die Identität steht plötzlich zur Diskussion – und genau dort entsteht meist Widerstand. Formuliert man hingegen: «Das Verhalten in dieser Situation war nicht zielführend.», bleibt die Würde des Menschen unangetastet. Kritisiert wird nicht die Person, sondern eine Handlung, die verändert werden kann.
Für Tschumi ist genau das der entscheidende Unterschied. Ein Mensch sollte sich nie dafür rechtfertigen müssen, wer er ist. Wohl aber darf er reflektieren, wie er gehandelt hat.
Wer Kritik oder Schuldzuweisungen sofort abwehrt, verliert Handlungsspielraum. Wer sie hingegen als Information betrachtet, gewinnt die Freiheit, neue Lösungen zu finden.
Gefühle sind keine Schwäche – sondern Energie
Viele Unternehmer verbinden emotionale Stabilität damit, möglichst wenig Gefühle zu zeigen. Sie glauben, wer Wut, Angst oder Enttäuschung nach aussen trägt, macht sich angreifbar. Also werden diese Emotionen unterdrückt, in der Hoffnung, dadurch souveräner zu wirken.
Für Tschumi ist genau das ein Irrtum.
Emotionale Stabilität bedeutet nicht, nichts mehr zu fühlen.
Sie bedeutet, Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu entscheiden, wohin ihre Energie gelenkt wird. Wut bleibt Wut. Entäuschung bleibt Entäuschung.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Gefühl entsteht, sondern worauf es sich richtet.
Als Beispiel nennt Tschumi einen Unternehmer, der sich über einen neuen Mitarbeiter ärgert. Wer emotional reagiert, richtet seine Wut gegen den Menschen. Der Mitarbeiter wird zum Problem. Wer hingegen emotionale Verantwortung übernimmt, stellt eine andere Frage: Warum hat mein Recruiting-Prozess dazu geführt, dass genau diese Person eingestellt wurde?
Die Wut verschwindet dadurch nicht. Sie bekommt lediglich eine neue Richtung.
Nicht gegen den Menschen. Sondern gegen einen Prozess, der verbessert werden kann.
Genau darin liegt für Tschumi der Unterschied zwischen emotionaler Reaktion und emotionaler Verantwortung. Gefühle müssen nicht unterdrückt werden. Sie dürfen ihre Kraft behalten – solange sie nicht auf die Identität eines Menschen gerichtet werden, sondern helfen, bessere Strukturen, klarere Prozesse und nachhaltigere Lösungen zu schaffen.
Der Wendepunkt begann mit einer eigenen Krise
Dass Tschumi heute so arbeitet, entstand nicht aus einem Lehrbuch.
Über Jahre litt sie selbst unter Panikattacken und einer Depression.
Rückblickend beschreibt sie diese Zeit als eine Phase, in der Angst ihre gesamte Wahrnehmung einengte.
Sie wusste, dass sie intelligent war.
Doch sie konnte dieses Potenzial nicht mehr nutzen.
«Angst macht dumm», sagt sie bewusst provokativ.
Nicht, weil Menschen weniger intelligent werden, sondern weil Angst Kreativität, Klarheit und Flexibilität blockiert. In Therapien lernte sie damals vor allem, Gefühle wahrzunehmen und ihre Ursachen zu verstehen.
Doch eine entscheidende Frage blieb für sie unbeantwortet:
Was mache ich jetzt mit diesem Gefühl?
Genau daraus entstand ihre heutige Arbeit.
Emotionale Freiheit bedeutet nicht, keine Gefühle mehr zu haben
Ein weiterer prägender Teil ihrer Geschichte war der Missbrauch, den Tschumi in ihrer Vergangenheit erlebte. Interessanterweise beschreibt sie nicht das Ereignis selbst als ihren grössten Schmerz. Sondern das Gefühl, emotional manipuliert worden zu sein.
Dieses Erlebnis weckte in ihr den Wunsch, emotionale Freiheit zu entwickeln.
Heute beschreibt sie diese Freiheit als einen Zustand, in dem niemand mehr ihre Emotionen gegen sie verwenden kann.
Nicht weil keine Gefühle mehr entstehen.
Sondern weil sie gelernt hat, mit ihnen bewusst umzugehen.
Diese Denkweise wurde stark von ihrer jahrelangen Beschäftigung mit dem Shaolin Kung Fu und der buddhistischen Psychologie geprägt. Dort lernte sie einen Gedanken kennen, der ihre Arbeit bis heute prägt: Nicht gegen Emotionen kämpfen.
Sondern ihre Kraft bewusst nutzen.

Erfolg braucht Reibung
Viele Menschen verbinden persönliche Entwicklung mit innerem Frieden.
Tschumi sieht das differenzierter.
Inneren Frieden zu finden, sei wichtig.
Doch wer als Unternehmer alles vermeiden wolle, was polarisiert oder Reibung erzeugt, verliere irgendwann seine Richtung.Jede Vision brauche einen Gegenpol.
Etwas, das verändert werden soll. Etwas, wofür es sich lohnt aufzustehen.
Sie selbst beschreibt ihre Vision deshalb als eine Revolution im Umgang mit psychischer Gesundheit und emotionaler Intelligenz. Nicht aus Verbitterung. Sondern weil sie gelernt hat, ihre Wut in Verantwortung zu verwandeln.
Vertrauen schlägt Perfektion
Heute gehört die Praxis von Natürlich Tschumi zu den erfolgreichsten ihrer Art in der Schweiz. Für viele Therapeuten und Coaches ist sie damit ein Vorbild dafür, wie sich fachliche Kompetenz und unternehmerischer Erfolg verbinden lassen.
Während viele therapeutische Praxen Mühe haben, wirtschaftlich erfolgreich zu werden, entwickelte sich die Praxis von Tschumi kontinuierlich weiter. Sie führt das nicht auf perfektes Marketing zurück. Sondern auf drei Faktoren.
Erstens hatte sie keinen Plan B. Für sie war klar, dass ihre Praxis funktionieren musste.
Zweitens investierte sie von Anfang an kompromisslos in Beziehungen und Vertrauen – auch dann, wenn ihr noch Erfahrung fehlte. Und drittens lernte sie, ihre eigenen Ängste und ihre Wut nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Antrieb.
Ihre Existenzängste motivierten sie, immer weiterzulernen, neue Lösungen zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Nicht trotz ihrer Emotionen. Sondern wegen ihnen.
Die wichtigste Frage guter Führung
Am Ende fasst Isabelle Tschumi ihre Philosophie in einer einzigen Frage zusammen:
«Was wäre in dieser Situation eine echte Win-win-Lösung – für mich und für den anderen?»
Wer beginnt, so zu denken, verändert automatisch seine Art zu führen.
Es geht nicht mehr darum, Recht zu behalten oder sich durchzusetzen.
Es geht darum, Lösungen zu schaffen, bei denen beide Seiten gewinnen können.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe moderner Führung.
Nicht bessere Strategien zu entwickeln.
Sondern die eigene emotionale Verantwortung so ernst zu nehmen, dass daraus Vertrauen, Freiheit und Beziehungen entstehen, die Menschen langfristig verbinden.
Isabelle Tschumi ist Gründerin und Geschäftsführerin von Natürlich Tschumi.
Gemeinsam mit ihrem Team unterstützen sie ihre Klienten auf dem Weg zu mehr emotionaler Stabilität, Selbstkompetenz und nachhaltiger Veränderung begleitet.
E-Paper: Den vollständigen Beitrag und weitere Inhalte findest du im E-Paper des Entscheider Magazins. Hier klicken


