Florian Hasler: Warum viele Unternehmer trotz Networking allein bleiben

Wenn aus Begegnungen Vertrauen entsteht. Warum es nicht nur Kontakte braucht, sondern Beziehungen.
Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen wie heute. Business-Clubs, Unternehmerfrühstücke, Afterwork-Anlässe und Networking-Events finden beinahe täglich statt. Gleichzeitig wächst bei vielen Unternehmerinnen und Unternehmern das Gefühl, trotz unzähliger Kontakte oft auf sich allein gestellt zu sein. Man besucht Veranstaltungen, führt interessante Gespräche, tauscht Visitenkarten aus und vernetzt sich auf LinkedIn. Doch nach wenigen Tagen ist vom anfänglichen Austausch meist nicht mehr viel übrig.
Für Florian Hasler, Gründer des Praxis-Clubs, liegt das Problem nicht darin, dass Unternehmer zu wenig netzwerken. Vielmehr beobachtet er, dass viele mit der falschen Erwartung an solche Veranstaltungen gehen.
«Wer an einen Event geht und unbedingt einen Kunden finden will, setzt sich selbst unter Druck. Und genau diesen Druck spürt das Gegenüber.»
Für Hasler beginnt erfolgreiches Netzwerken deshalb lange bevor zwei Menschen miteinander sprechen. Es beginnt mit der eigenen Haltung – und der Bereitschaft, den Menschen vor dem möglichen Geschäftspartner kennenzulernen.
Vertrauen entsteht lange bevor Geschäfte entstehen
Diese Überzeugung entwickelte sich nicht erst in den vergangenen Jahren. Bereits bei der Gründung seines ersten Unternehmens im Jahr 2014 machte Hasler eine Erfahrung, die seine Sicht auf Unternehmertum nachhaltig veränderte.
Als junger Unternehmer verfügte er weder über jahrelange Referenzen noch über einen bekannten Namen. Trotzdem musste ihm irgendwann jemand den ersten Auftrag geben.
Rückblickend wurde ihm bewusst, dass kaum jemand einem unbekannten Unternehmer aufgrund einer perfekten Website oder einer überzeugenden Präsentation vertraut. Viel häufiger entscheidet eine persönliche Empfehlung oder ein Mensch, der bereit ist, seinen eigenen Ruf für jemand anderen einzusetzen.
«Der erste Kunde kommt oft nicht wegen einer Werbeanzeige. Er kommt, weil jemand sagt: Ich kenne ihn. Gib ihm eine Chance.»
Gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz, in denen professionelle Websites, Bilder und Inhalte innert weniger Minuten erstellt werden können, wird der menschliche Empfehlungsfaktor wichtiger denn je.
Für Hasler wurde dadurch klar, dass Vertrauen im Unternehmertum häufig der eigentliche Anfang jeder Zusammenarbeit ist. Marketing kann Aufmerksamkeit schaffen. Vertrauen entsteht jedoch zwischen Menschen.
Der grösste Denkfehler beginnt bereits vor dem ersten Gespräch
Viele Unternehmer bereiten sich auf einen Networking-Anlass intensiv vor. Sie überlegen sich ihren Elevator Pitch, formulieren ihr Angebot möglichst präzise und setzen sich das Ziel, neue Kunden zu gewinnen.
Hasler hält genau diesen Ansatz für problematisch. Wer ausschliesslich auf den nächsten Abschluss fokussiert sei, führe Gespräche automatisch mit einer Erwartungshaltung. Das Gegenüber werde unbewusst zum potenziellen Kunden statt zu einem Menschen.
«Netzwerken ist für mich Interesse am Gegenüber.» Dabei darf der berufliche Kontext durchaus klar kommuniziert werden, denn Netzwerken bedeutet auch zu verstehen, wo ich mein Gegenüber einordnen kann. Hier gibt es aber Wege, Neugier zu wecken und Mehrwert zu kommunizieren ohne gleich einen Verkaufspitch zu präsentieren.
Diese Aussage zieht sich durch das gesamte Gespräch. Für Hasler geht es nicht darum, möglichst schnell einen Nutzen aus einer Begegnung zu ziehen. Viel wichtiger sei die ehrliche Neugier auf den Menschen, der einem gerade gegenübersitzt.
Welche Erfahrungen hat diese Person gemacht?
Welche Herausforderungen beschäftigen sie aktuell?
Wo könnte vielleicht irgendwann eine gemeinsame Schnittstelle entstehen?
Natürlich haben wir nicht unbegrenzt Zeit, um mit jedem Menschen in einen solchen Austausch zu gehen. Umso wichtiger ist es, gezielt mit Persönlichkeiten ins Gespräch zu kommen, die unserer aktuellen beruflichen oder privaten Lebensphase nahestehen und bei denen gemeinsamer Nutzen entstehen kann.
Genau aus dieser Überlegung entstand später auch der Praxis-Club: Nicht, um Menschen möglichst viele Kontakte zu vermitteln, sondern um Begegnungen mit den richtigen Persönlichkeiten zu ermöglichen – dort, wo aus einem ersten Kontakt Vertrauen, Zusammenarbeit und langfristige Beziehungen entstehen können.
Interessanterweise entstünden gerade aus solchen Gesprächen oft die wertvollsten Geschäftsbeziehungen – allerdings selten sofort.
Nicht jeder Kontakt muss zu einer Beziehung werden
Gleichzeitig warnt Hasler davor, jedem Menschen auf einem Anlass zwanghaft hinterherzulaufen. Auch beim Netzwerken spiele die zwischenmenschliche Ebene eine entscheidende Rolle.
Er erinnert sich an eine Begegnung mit einem Unternehmer, der bereits bei der Begrüssung überzeugt war, künftig gemeinsam Geschäfte zu machen. Noch bevor ein richtiges Gespräch entstehen konnte, ignorierte dieser eine anwesende Frau vollständig und begegnete den anderen Personen mit einer spürbaren Arroganz.
Für Hasler war der Fall bereits in diesem Moment entschieden.
Nicht wegen der beruflichen Qualifikation, sondern wegen der Werte.
Umgekehrt habe er schon unzählige Menschen kennengelernt, bei denen zunächst gar nicht das Geschäftliche im Vordergrund stand. Die Sympathie entstand zuerst. Das gemeinsame Projekt entwickelte sich oft erst Monate oder sogar Jahre später.
«Wenn ich mit jemandem auch ausserhalb des Geschäfts einen Kaffee trinken würde, dann weiss ich, dass eine gute Basis vorhanden ist.»
Sympathie, gegenseitiger Respekt und echtes Interesse seien deshalb häufig bessere Indikatoren für eine langfristige Zusammenarbeit als jede Unternehmensgrösse oder jeder Titel.
Die wichtigsten Gespräche finden oft nach dem Event statt
Für Hasler beginnt die eigentliche Beziehungspflege erst nach dem ersten Kennenlernen.
Einmal ist bekanntlich keinmal. Deshalb entstehen gute Freundschaften / Beziehungen in der Schulzeit, der Ausbildung, dem Studium oder in Vereinen. Dort, wo man sich immer wieder über den Weg läuft. Gerade deshalb ist es wichtig, sich zugehörig zu fühlen, sich immer wieder über den Weg zu laufen, sei dies beim Praxis-Club, einem anderen Netzwerk oder einem Verein. Ein gemeinsames Mittagessen, ein Kaffee oder ein längeres Gespräch ermögliche einen ganz anderen Austausch als wenige Minuten zwischen zwei Programmpunkten.
Erst dort lerne man den Menschen hinter dem Unternehmen kennen. Seine Werte. Seine Motivation. Seine Geschichte. Ist diese Basis einmal geschaffen, müsse eine Beziehung nicht permanent gepflegt werden.
«Es kann sein, dass wir uns ein halbes Jahr nicht sehen. Wenn wir uns danach wieder begegnen, fühlt es sich trotzdem an, als hätten wir erst gestern miteinander gesprochen.»
Genau darin sieht Hasler einen der grössten Unterschiede zwischen Kontakten und Beziehungen. Kontakte müssen ständig aktiviert werden. Beziehungen bleiben bestehen, weil Vertrauen entstanden ist.

Der grösste Hebel liegt oft im Austausch mit anderen
Eine Erkenntnis bereut Hasler heute besonders.
Zu Beginn seiner Selbstständigkeit versuchte er, möglichst viele Herausforderungen alleine zu lösen. Er wollte alles verstehen, alles perfektionieren und möglichst niemanden um Hilfe bitten.
Heute würde er genau das anders machen.
Fast jede unternehmerische Herausforderung habe bereits jemand anderes erlebt. Wer bereit sei, offen Fragen zu stellen und Erfahrungen anderer anzunehmen, spare sich häufig viel Zeit, Geld und unnötige Umwege.
Dabei müsse nicht jede Unterstützung bezahlt werden. Viele erfahrene Unternehmer seien durchaus bereit, ihr Wissen zu teilen – vorausgesetzt, jemand traue sich überhaupt zu fragen.
Für Hasler liegt genau darin einer der grössten Werte eines guten Netzwerks. Nicht darin, möglichst viele Visitenkarten zu sammeln, sondern Erfahrungen miteinander zu teilen.
Was Unternehmer von künstlicher Intelligenz lernen können
Während unseres Gesprächs zieht Hasler einen ungewöhnlichen Vergleich.
Künstliche Intelligenz beeindrucke viele Menschen heute durch ihre enorme Leistungsfähigkeit. Dabei funktioniere sie letztlich deshalb so gut, weil verschiedene Systeme ihr Wissen miteinander verbinden und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Für Unternehmer sei genau diese Denkweise ebenfalls spannend.
Jeder Mensch verfüge über Erfahrungen, Kompetenzen und Perspektiven, die andere nicht besitzen. Sobald diese Fähigkeiten miteinander verbunden werden, entstehe oft ein deutlich grösserer Mehrwert, als wenn jeder versucht, alles alleine zu lösen.
«Wir sollten weniger in Konkurrenz denken und häufiger überlegen, was entstehen kann, wenn wir unser Wissen miteinander verbinden.»
Für Hasler ist genau das der eigentliche Sinn eines Netzwerks.
Nicht Konkurrenz.
Sondern Zusammenarbeit.
Warum daraus der Praxis-Club entstand
Interessanterweise entstand der Praxis-Club nicht aus der Idee, einen weiteren Business-Club zu gründen.
Nach der Corona-Pandemie analysierte Hasler zahlreiche bestehende Netzwerke in der Schweiz. Viele davon boten spannende Veranstaltungen und engagierte Mitglieder. Gleichzeitig stellte er fest, dass neue Teilnehmer häufig nur schwer Anschluss fanden, introvertierte Persönlichkeiten in grossen Gruppen untergingen und digitale Möglichkeiten kaum genutzt wurden.
Hinzu kam, dass viele Netzwerke zwar Begegnungen ermöglichten, echte Beziehungen jedoch weitgehend dem Zufall überliessen oder verpflichtende Anwesenheiten einforderten.
Genau daraus entstand seine Vision. Nicht ein Club, der möglichst viele Events organisiert. Sondern ein Netzwerk, das Menschen in unterschiedlichen Unternehmens- und Lebensphasen bewusst miteinander verbindet.
Unternehmer, Führungskräfte, Startups und erfahrene Persönlichkeiten sollen voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam wachsen können. Nicht begrenzt durch eine Branchenexklusivität aber kuratiert genug, dass es spannende Begegnungen ermöglicht.
«Praxis bedeutet handeln, machen und umsetzen. Genau darum geht es.»
Die wichtigste Begegnung steht vielleicht noch bevor
Zum Schluss unseres Gesprächs stellt Hasler eine Frage, die seine gesamte Philosophie auf den Punkt bringt.
Woher wollen wir wissen, dass die Person, die heute allein am Rand eines Networking-Events steht, nicht genau der Mensch ist, der unser Leben oder unser Unternehmen morgen entscheidend verändern könnte?
Vielleicht entsteht daraus kein Kunde. Vielleicht nicht einmal ein gemeinsames Projekt. Vielleicht entsteht zunächst nur ein gutes Gespräch. Doch genau diese Begegnungen sind es, die rückblickend oft den grössten Einfluss auf den eigenen Weg hatten.
Für Florian Hasler beginnt erfolgreiches Netzwerken deshalb nicht mit dem Wunsch, möglichst viel zu verkaufen.
Sondern mit der Bereitschaft, Menschen wirklich kennenlernen zu wollen und zu tun.
Florian Hasler ist Gründer des Praxis-Clubs. Das schweizweite Unternehmernetzwerk bringt Menschen zusammen, die langfristige Beziehungen aufbauen, Erfahrungen austauschen und gemeinsam wachsen möchten.
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